Leon de Winter – Geronimo

Goldbergs Variationen verzaubern die Menschheit.

Usama bin Laden lebt viele Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center in Abbottabad in Pakistan. In einem eigens errichteten Gebäude versteckt er sich mit seinen drei Frauen und seinen Kindern vor den Rächern der westlichen Welt. Seine jüngste Frau, Amal Ahmed al-Sadah, bringt ihn immer wieder auf kuriose, jugendliche Gedanken. So auch an dem Abend, als er sich mit dem Moped auf in die Stadt macht um mitten in der Nacht Vanilleeis und Schokolade für Amal zu kaufen.

Quelle und Genehmigung: Diogenes Verlag AG

Nach dem Einkauf in der Stadt begegnet ihm dabei Apana. Verstümmelt, ohne Arme und ohne Beine, bettelt sie in der Nähe um Almosen. Usama bin Laden spricht kurz mit ihr, dabei fällt ihm ein Bild seiner selbst auf, welches das Mädchen in Form einer Postkarte bei sich trägt. Und kurze Zeit später ist er sicher, dass sie ihn erkannt hat. Die größten Geheimdienste der Welt suchen ihn und nun enttarnt ihn eine arme Bettlerin. Soll er sie töten? Er sieht, dass Allah eine große Prüfung für ihn vorbereitet hat. Diese muss er nun überstehen.

Auf der anderen Seite der Welt trifft sich Tom Johnson, ehemaliger Special Op, mit Kumpels aus seiner Zeit im aktiven Dienst auf einer Party. Nach einigen Steaks und vielen Flaschen Bier stellt sich heraus, dass sich die aktiven Seals auf die größte Mission der letzten Jahrzehnte vorbereiten. Ihre Aufgabe ist es Usama bin Laden in Abbotabad festzusetzen. Doch der inoffizielle Auftrag aus dem Weißen Haus legt die Betonung der Order „capture or kill“ unmissverständlich auf das zweite Wort: „kill“. Keiner der Jungs hat hierfür Verständnis. Hofft sich doch die gesamte Menschheit noch viel von Usama bin Laden zu erfahren. Über seine Vergangenheit, sein Wissen und seine Pläne für al-Qaida in der Zukunft. Mehr und mehr nagen Zweifel an ihnen, ob der Einsatz mit dem Ziel Usama bin Laden zu töten wirklich ernst gemeint und zielführend ist.

„»Diese Musik … Was hört sie, was hören Sie, was ich nicht höre?«, fragte er. – Ich sage: »Die Vollkommenheit.« Er sah mich kurz an, mit unruhigem Blick, nach der Erklärung dieses Begriffs forschend. »Ich möchte nicht, dass es ihr schadet«, sagte er. – »Bach hat noch niemandem geschadet«, antworte ich.“ (S. 141)

In der Musik Bachs findet Apana Vollkommenheit. Und das eint sie mitten im Kriegsgebiet mit dem Special Op Tom Johnson. Tom selbst kämpft mit Hilfe der Klänge von Goldbergs Variationen um die Bewältigung seiner eigenen Vergangenheit. Ein Schicksalsschlag veränderte sein Leben und zerstörte seine Ehe. Und mitten im Kriegsgebiet findet er in Apana eine schützenswerte Seelenverwandte.

Leon de Winter schreibt am Limit. Am Limit des Vorstellbaren und am Limit der Menschlichkeit. Und trotzdem gelingt es ihm den Leser zu fesseln, zu entführen in eine ferne und doch ganz nahe Welt. Die unterschiedlichsten Religionen sorgen für Schmerz und Fanatismus. Und trotzdem hängen so viele unterschiedliche Handlungen zusammen.

Leon de Winter wurde mir empfohlen und ich wählte für einen Start dieses seiner aktuellen Werke aus. Spannend, keine Frage. Doch „mit Witz […] durchwirkt“ wie der Klappentext verlauten lässt war dieses Buch für mich definitiv nicht. Leon de Winter beschreibt auf skurrile Art eine Geschichte die so stattgefunden haben könnte. Oder eben auch nicht. Diese Vagheit bewegt den Leser zum eigenen Nachdenken. Über Religionen, Weltherrschaft und Menschen. Und das hat mich begeistert.

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