Susann Rehlein – Auch die Liebe hat drei Seiten

Lisbeth Ritter zieht im Alter von 23,7 Jahren nach Kreuzberg. Die Wohnung hat ihre Tante Ruth bezahlt, einen ersten Job hat sie ebenfalls schon. Lisbeth kommt vom Land aus einem kleinen Ort namens Bückschitz. Sie liebt ihr Schaf Paul und sie vermisst schon jetzt das Zelt vor Tante Ruths altem Hof. Das kontrastreiche Leben in Kreuzberg ist für sie ungewohnt. Sie arbeitet als Korrektorin der Zeitschrift „Fokus Fleisch- und Wurstwaren“. Lisbeth hat ein unglaubliches Bedürfnis zu zählen. So weiß sie beispielsweise aus dem Stegreif, dass die Treppe zu ihrer Wohnung 105 Stufen umfasst und ihr Haushalt 38 494,5 Dinge umfasst.

In Kreuzberg lernt sie Paul kennen. Paul ist ein Urgestein, er kennt alles und jeden in Kreuzberg, insbesondere auch die Eigenarten der Bewohner in ihrem Haus. Nicht umsonst wird er der König von Kreuzberg genannt. Dann gibt es da noch Edgar. Lisbeth kennt ihn aus Kindertagen, von ihm hat sie ihre ersten sieben Küsse erhalten. Und ganz plötzlich taucht Edgar wieder auf. Tante Ruth möchte ihm den alten Hof verkaufen, und so landet Edgar wieder in Lisbeths Leben, und irgendwann hoffentlich auch in ihrem Herzen.

„Lisbeth dachte praktisch ständig an Edgar. Wie oft genau, wusste sie, weil sie pro Mal, das sie an ihn dachte, 5 Liegestütze machen musste. Es waren insgesamt 565, und sie war mit 475 im Rückstand…“ (S. 180)

Das Buch startet mit einer halbwegs authentischen Darstellung vom Leben und leben lassen in Berlin Kreuzberg. Die Protagonistin „vom Lande“ muss sich dem Alkoholkonsum stellen und raue Sprüche und die Alltagsprobleme der Kreuzberger gefallen lassen. Mit Lisbeths Zähltick und einigen ungewöhnlich ehrlichen Passagen ist es der Autorin gelungen, dem Buch eine Besonderheit mit an die Hand zu geben, die einen kurzweiligen und atypischen Roman erwarten lies. Leider wurde diese Erwartung ab dem zweiten Drittel des Buches enttäuscht:

Schlag auf Schlag verändert sich die Qualität des Inhalts: es beginnt mit einem unglaubwürdigen und für den Charakter unpassenden emotionalen Ausbruch der Protagonistin, welche bei einem Besuch auf dem Lande ihrer Tante ausrastet. Wäre ihr Charakter nicht von vorneherein als intelligent und besonnen beschrieben gewesen, hätte man diesen Ausrutscher noch verschmerzen können. Aber ab diesem Zeitpunkt bedient das Buch zumindest gefühlt jedes Klischee eines Frauenromans für die breite Masse: Zickenkrieg, viele tolle Männer die alle nicht zu haben sind, Gefühlsschwankungen zwischen Lethargie und Tourette-Syndrom in einem Satz – alles bei einer Frau die man doch unbedingt liebgewinnen muss und die immer so viel Pech hat. Endgültig den Spaß haben mir dann noch völlig unnötige inhaltliche Fehler genommen: in Deutschland erfährt ein Arbeitgeber bei einer Krankschreibung NIE den GRUND für dieselbige. Wie viele andere Autoren der heutigen Zeit bedient sich auch Susann Rehlein der Eigenart, hin und wieder Fußnoten mit eher langweiligen Anmerkungen zur Geschichte und der Historie einzubringen. Diese zerstören den Lesefluss und wären viel besser im Fließtext platziert gewesen.

Nach einem guten Start hat das Buch leider für mich persönlich recht schnell seinen Reiz verloren. Auch das völlig überzeichnete Ende war zu früh absehbar und zu langweilig. Schade.

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