Urban Wiesing – Heilswissenschaft

Philosophische Kritik an den Versprechungen junger Silicon Valley Startups.

In Heilswissenschaften beschäftigt sich Urban Wiesing mit den Zukunftsprognosen der modernen Medizin: Wann werden wir den Krebs besiegen? Spätestens 2023. Oder doch 2028? Nein, vielleicht doch erst 2045 wenn wir die Unsterblichkeit erlangen. Solche und ähnliche Aussagen hat Urban Wiesing genauer unter die Lupe genommen. Warum treffen wir diese Aussagen und wieviel sind sie wert?

Urban Wiesing schaut sich dabei insbesondere die Motivation für überzogene Heilsversprechen und auch die zugehörigen Zeitlinien an. Er versucht die Frage zu beantworten, warum sich die moderne Wissenschaft im Umfeld der Medizin zu völlig übertriebenen, populistischen Prognosen hinreißen lassen darf, ohne dabei an Reputation zu verlieren. Gleichzeitig zeigt er anhand vieler gut recherchierter Beispiele, dass sich dieses Verhalten der modernen Medizin schon seit Jahrzehnten immer wieder wiederholt.

„Zukunftsaussagen sind von Haus aus Prognosen, weil sie etwas über eine Zeit aussagen, die noch nicht eingetreten ist, und sie sind stets unsicher. Diese Eigenschaft ist den Prognostizierenden zuweilen unliebsam. Zumal die Prognosen damit auf einen Grundzustand des Menschen hinweisen: Er muss es aushalten, dass er eine Zukunft besitzt, aber eben nicht genau weiß, wie sie sein wird. […] Ungewissheit ist nicht so einfach zu ertragen.“ (S. 18)

Quelle und Genehmigung: S. Fischer Verlage

Das Buch aus dem S. Fischer Verlag ist mir eher durch Zufall in die Hände gefallen. Und vermutlich habe ich den Titel mit einem anderen verwechselt, den ich unbedingt einmal lesen wollte, gelesen habe ich es natürlich trotzdem. Insgesamt hat mich die Lektüre weder enttäuscht noch begeistert. Abgesehen von den ersten Seiten, die fast zu 50% aus Zitaten anderer Werke bestehen, war das Buch relativ gut zu lesen, wenn man sich konzentriert. Die Sprache ist keineswegs einfach gewählt und die vielen Zitate erschweren den Lesefluss durch Stilwechsel.

Nicht gefallen hat mir die wiederholte Kritik an jungen Startups im Silicon Valley. Ja, die modernen Startups, die dank Unternehmer wie Zuckerberg, Page und Gates aus dem Boden sprießen, sind in vielerlei Hinsicht zu euphorisch und lassen das den Rest der Welt deutlich spüren. Trotzdem bewirken sie Gutes, schon allein durch den Wettbewerb den sie auslösen und der Weltweit junge Unternehmer motiviert selbst in die (Medizin-)Technik-Branche einzusteigen. Manchmal hatte ich den Eindruck der Autor kompensiert durch diese starke Kritik an diesen Unternehmen und bestimmten „führenden Wissenschaftlern“ das eigene Unvermögen seine Ziele in seiner Lebenszeit zu erreichen. Oder er belegt damit seinen Neid? Es ist schwer das zu sagen, da er selbst immer wieder betont nicht die Wissenschaft an sich, nicht die Unternehmen, sondern allein ihre Heilsversprechen zu kritisieren.

Trotzdem findet man auch viel Wahres und Interessantes. Im Gegensatz zum Kapitel über den „war on cancer“ fand ich beispielsweise das Kapitel über das „Manifest der Neurowissenschaftler“ sehr interessant und bisweilen sogar unterhaltsam. Das Buch erhält von mir keine uneingeschränkte Empfehlung, da ich es als einseitige Darstellung der Meinung des Autors empfinde. Auch wenn dieser das selbst sicher bestreiten wird. Grundsätzlich kann es aber zu notwendigen Diskussionen anregen und für den interessierten Leser einige spannende Denkanstöße bieten.

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