Edith Wharton – Dämmerschlaf

Eine Karikatur des Bösen in der reichen Gesellschaft der 1920er.

Das Leben der amerikanischen High Society folgt einem bestimmten Muster: keiner hat Zeit, und weiß dazu nicht einmal was man mit der fehlenden Zeit anstellen könnte. Zwischen Schlafen und Essen gibt es einfach zu viele Massagen, Gesichtsbehandlungen, Wunderheiler und Organisationskomitees, so dass die Familie auf der Strecke bleiben muss. Auch Pauline Manford gehört zu dieser Gesellschaftsebene. Sie hat sich von ihrem ersten Mann getrennt und lebt nun mit ihrem zweiten Mann und ihrer Tochter Nona zusammen. Sie weiß einfach nicht, wie sie es schaffen soll all ihre Termine unterzubringen, und dabei auch alles richtig und – ohne Kompromisse – erfolgreich zu erledigen.

Ihre Tochter Nona dagegen lebt wie auch ihr Sohn Jim in einer anderen Generation. Eine Generation die sich nicht mehr um die ganze Welt sorgt und versucht diese in ihrer knappen Zeit auch noch zu verbessern. Jim ist mit Lita verheiratet, einer unruhigen, durchtriebenen und verwöhnten Frau. Auch nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes gibt das Leben Lita zu wenig, weshalb sich immer mehr Spannungen in der Beziehung zwischen Jim und Lita aufbauen. Selbstverständlich sieht Pauline Manford ihr Aufgabe darin, die Ehe der beiden zu bewahren und mit allen Mitteln dafür zu sorgen, dass alle glücklich und zufrieden sind.

„Sie überragte alle, würdevoll und funkelnd wie eine Göttin der Geschwindigkeit.“ (S. 234)

Edith Warthon liefert mit ihrem Roman Dämmerschlaf ein vernichtendes Zeugnis über die amerikanische reiche Gesellschaft und ihr Unvermögen sich mit den Problemen der Welt und anderer Menschen auseinanderzusetzen. Mit viel Zynismus und einem mehr als kritischen Blick beschreibt sie den Egoismus der goldenen 20er Jahre in New York und hinterlässt ein Trümmerfeld, ausgeschmückt mit Geld, Ansehen und Prestige.

Das Buch erschien im Original 1927. Auch knapp neunzig Jahre später liest sich der unterhaltsame Text gut und ohne Schwierigkeiten. Allerdings vermisst der eine oder andere Leser sicher die tiefgründige Geschichte, welche man auch in dieser Zeit hätte unterbringen können. Doch darum ging es der Autorin nicht. Sie möchte ein Bild der Zeit und ein Bild ihres Zornes auf die Menschen und die reiche Gesellschaft hinterlassen. Und das gelingt ihr allein durch die intensive Darstellung des vordergründigen Verhaltens, Tag für Tag immer dasselbe. Ohne tiefgründige Abwechslung.

Formal stören die vielen Fußnoten, welche am Ende des Buches mit mehr oder weniger lieblosen Erklärungen wie „Gabe der Prophetie“ als Erklärung des Begriffs „das zweite Gesicht“ einfach hätten weggelassen werden sollen. Wenn man ein solches Buch versucht zu genießen und nicht im Rahmen eines Deutschunterrichts zu sezieren dann sind die vielen Fußnoten überflüssig und hinderlich.

Alles in allem ein gelungener Roman aus den 1920er Jahren, eine kritische, satirische Beschreibung der Gesellschaft, welche nicht allzu selten auch an Verhalten und Muster in der heutigen Zeit erinnern. Die Parallelen sind teilweise erschreckend. Lesenswert.

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